KI generiertes Bild von mehreren Bücherstapeln, mit einem aufgeklappten Buch. Aus diesem kommt ein Stern heraus
November 2025

Wie Autor:innen, Verlage und Leser:innen von KI-Tools profitieren können

Verlage sind weiterhin wesentliche Akteure der Wissensproduktion und -distribution sowie der Unterhaltung in Europa. In den letzten Jahrzehnten hat die Digitalisierung ihre Arbeitsweisen und Produkte tiefgreifend verändert. Doch was kommt als Nächstes? Welche Prozesse und Produkte brauchen Verlage in Zeiten von KI und globaler Wissensproduktion? Welche Leser:innen und Nutzer:innen können sie erreichen, und mit welchen Produkten?

Wie datenbasierte Tools Verlage und ihre Produkte verwandeln

Im Jahre 1555 wurde die Druckerei Plantin in Antwerpen gegründet. Die Geschichte des industriellen Verlagswesens in Europa ist damit knapp 500 Jahre alt. Vor 50 Jahren wiederum, im Jahr 1975, wurde das Unternehmen Microsoft gegründet, womit das Zeitalter des Personal Computings begann.

Stellen Sie sich vor: Autor:innen arbeiten wie Software-Entwickelnde, Lektor:innen wie Product Owner, und Bücher erscheinen als Releases und in mehreren Formaten. Diese Art der Verlagsarbeit zieht die Lehren aus dem Erfolg von Softwareunternehmen der letzten 50 Jahre.

Heute sind die erfolgreichsten und einflussreichsten Unternehmen, die mit Wissen und Informationen ihren Umsatz und Gewinn machen, Softwarefirmen. Ob Microsoft und SAP gestern, Google, TikTok und Meta heute: Die mediale Infrastruktur besteht aus Algorithmen, Daten und Benutzeroberflächen. Hinzu kommt mit großer Geschwindigkeit und enormen Investitionen die nächste Technologie – die künstliche Intelligenz.

KI generiertes Bild von einem Mann der vor einem Bildschirm sitzt und eine Videokonferenz mit Vier anderen Personen durchführt

Autor:innen werden zu Programmierenden

Unsere These: Autor:innen und KI sollten wie Programmierende im Pair-Programming arbeiten.

Kreative Kooperation zwischen Autor:innen und Editor:innen, Autor:innen und Zeichner:innen oder sogar Designer:innen und Philosoph:innen können hervorragende, spannende und wertvolle Werke hervorbringen. Der Dialog am Werk, das Vier-Augen-Prinzip ist nicht neu und wurde erfolgreich in die Software-Arbeit übertragen.

Zwei Programmierende arbeiten im Tandem, entweder nebeneinander oder remote, und entwickeln gemeinsam ein Stück Software. In der Regel tauschen sie regelmäßig die Rollen zwischen "Driver" und "Navigator". Während der Driver die unmittelbare Umsetzung inklusive Code-Eingabe innehat, leistet der Navigator die Orientierung: Er denkt strategisch mit, prüft den Code auf Fehler, gibt Impulse zur Lösung und achtet auf den Gesamtplan.

In der Softwareentwicklung erreicht man dadurch eine bessere Qualität der Software, da Fehler sofort erkannt werden und die Gesamtstruktur des Projektes mitgedacht wird. Es ermöglicht auch, dass die Mitarbeitenden schneller lernen und besser zusammenarbeiten. Außerdem soll es kreative Lösungen fördern.

Wie lässt sich das Prinzip auf die Buch-Entwicklung anwenden? Die Zusammenarbeit zwischen Lektor:innen und Autor:innen ist bestens etabliert. Aber wie wäre es mit einer engen Kooperation der Autor:innen mit künstlicher Intelligenz?

Thriller-Autor Marc Elsberg beschreibt in der Zeit seine neue Arbeitsweise: Er nutzt Perplexity für die Recherche und spart dadurch viel Zeit. Mit ChatGPT und Claude.ai entwickelt er Handlungen und prüft die Plausibilität seiner Szenarien. Dabei teilen sich Mensch und KI die Aufgaben: Elsberg schreibt die eigentlichen Texte. Die KI übernimmt Recherche, Faktencheck und die Entwicklung des Handlungsgerüsts.

Unser Tipp an die Autor:innen: Die KI macht es unglaublich einfach, Anwendungen und Programme selbst zu entwickeln. Nutzen Sie diese Möglichkeit und bauen sich den eigenen Co-Piloten zur Buchherstellung.

KI generiertes Bild von einer Frau, die in einem Sessel sitzt und mit einer älteren Frau, die daneben steht, redet

Bücher werden zu Erlebnissen

Unsere These: Bücher werden zu Startpunkten multimodaler Erlebniswelten – genau wie Barbie zur interaktiven KI-Puppe wird.

Schon Christophe Plantin hatte 1555 erkannt, dass es neben den Texten auch die Illustrationen waren, die die Inhalte seiner Bücher den Leser:innen vermittelten. In einer Zeit, in der nur ein Bruchteil der Bevölkerung lesen und schreiben konnte, waren Karten, Illustrationen und Grafiken eine wichtige Komponente der Verlagsprodukte – gerade für mathematische und naturwissenschaftliche Werke.

Heutzutage begegnen uns Bilder, Texte und Geräusche auf Schritt und Tritt. Für die Sender:innen der Botschaften ist es wichtig, schnell und nachhaltig wahrgenommen zu werden. Lesen erfordert – selbst für geübte Leser:innen – mehr Energie als das Betrachten von Bildern oder das Einordnen von Geräuschen. Zudem speichert unser Gehirn Bilder und Töne effektiver und dauerhafter als Texte.

Die künstliche Intelligenz besitzt eine sogenannte multi-modale Fähigkeit: Die Daten, auf die ein KI-Modell zugreift, sind so abstrahiert und mit Meta-Daten versehen, dass Worte, Bilder und Geräusche im selben Format vorliegen. Damit lassen sich cross-mediale Inhalte umsetzen und für die Leser:innen zugänglich machen.

Das eröffnet neue Möglichkeiten für Verlage:

  • Inhalte können cross-medial umgesetzt und kombiniert werden.
  • Texte, Bilder, Audio und Video verschmelzen zu ganzheitlichen Erlebnissen.
  • Autor:innen und KI arbeiten kreativ zusammen und erweitern Werke um neue Dimensionen.
  • Leser:innen erleben Geschichten multimodal – lesend, hörend, sehend und interaktiv.
  • Klassische Werke erhalten durch KI-Tools wie Rebind neue Stimmen und Ebenen der Interpretation.

470 Jahre nach Plantin steht die Buchbranche damit an der Schwelle zu einer neuen Epoche, in der Bücher nicht mehr nur gelesen, sondern erlebt werden.

KI generiertes Bild von einem älteren Mann und einer älteren Frau, die in einem Flur neben einer jungen Frau und einem jungen Mann stehen und etwas erklären.

Verlage werden zu Datenschmieden

Unsere These: Verlage, die nur Texte drucken, werden zu Dinosauriern – wie Spielzeughersteller ohne KI-Integration.

Verlage sind dank der KI nun in der Lage, multi-modale Daten zu wertvollen Werken zu entwickeln. Die Infrastruktur dafür ist eine gepflegte Datenbasis mit multimedialer Tokenisierung und Feedbackschleifen. Narrative Daten-Kurator:innen, Aufmerksamkeits-Scouts und Content Experience Designer:innen sind neue Rollen, die gerade erst entstehen.

Die Parallele zu Mattel und OpenAI ist offensichtlich: Zwischen Buch und KI entsteht ein neues Medium – eine hybride Form von Text, Interaktion und Erlebnis. Verlage müssen ihre Geschäftsmodelle überdenken. Einmaliger Buchkauf wird zu wiederkehrenden Abonnements für erweiterte Welten.

Arbeitsprozesse und Lesegewohnheiten verändern sich weiterhin unter dem Einfluss der technologischen Möglichkeiten und der wirtschaftlichen Bedingungen. Welche Autor:innen die KI als Partner einsetzen, welche Werke der Literatur und Kunst zu multimodalen Erlebnissen erweitert werden: freuen wir uns auf schöne, smarte und aufregende Innovationen.

470 Jahre nach Plantin steht die Buchbranche vor ihrer größten Transformation. Die erfolgreichsten Verlage der Zukunft werden nicht die sein, die die meisten Bücher drucken. Sondern die, die die wertvollsten Datenwelten bauen.

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